Schatten

Wie ein Schatten liegt er über mir, dieser ständige üble Begleiter, der einem im Nacken sitzt und hinterhältig auf einen lauert, um in den Augenblicken über einen herzufallen, in denen man es am Wenigsten erwartet. So wie ich versuche, ein einigermaßen geregeltes Leben zu führen, wie man es im Allgemeinem von einem gut erzogenen Menschen erwartet, und mich von dem uns alle drohenden Unheil abzulenken suche, so überfällt es mich in Momenten, die weder vorhersehbar noch erwartbar sind. Ein belangloses Gespräch mit einem neuen Gesicht, die Fahrt mit dem Auto durch die Stadt, eine ungewollt konsumierte Nachricht über den Äther der uns umwirbelnden Informationsquellen und schon flammen sie auf: die schweren Gedanken, die einen das Leben unbequem machen wollen, die an einem zerren und einem die letzten Kräfte aus dem Körper saugen wollen.

Nein, sie sind nicht weg, die Gefahren, die uns umgeben. Sie sind noch da, allgegenwärtig, unterschwellig, hinterlistig und unnachgiebig. Und während sich der Mob fröhlich auf dem wöchentlichen Markte die Bratwürstchen in die breiten, gut gelaunten, aufgedunsenen und friedfertigen Gesichter schiebt – nichts ahnend, was auf sie zukommt, so versucht man selbst mehr kläglich als erfolgreich, die Scherben der eigenen Gedankenwelt zusammenzuhalten und wenigstens so gut zu funktionieren, dass es einen nicht selbst in den völligen finanziellen Ruin treibt.

Von Zeit zu Zeit gelingt es auch, den Schatten zu bändigen. Dann spaziert man durch die Straßen und genießt eine sorgenfreie Zeit, getragen von einer Leichtigkeit, wie sie die Seligen, die Nichtwissenden, die Nichtwissenwollenden, antreibt und man möchte sich dieser Leichtigkeit zugern hingeben, anschließen, untergehen im Gewimmel der Oberflächlichkeiten, unbeschwert und frei von der Last, die einen ständig niederdrücken will. Doch kaum biegt man in dieser wohligen Laune um die Ecke – ein Eindruck, eine kleine Sinneswahrnehmung, ein Gesicht, ein winziger Moment reicht völlig aus – und der Schatten steht mit einem male in seiner unbarmherzigen Größe vor der geschundenen Seele, versperrt den Weitergang auf diesem friedlichen Pfade, den seligen, den glücklichen, den unbeschwerten. Verdrossen hält man inne und hat das Nachsehen, folgt mit den Augen mißmutig nachschauend den fröhlich Weiterziehenden, den Glücklichen, den Unbedarften, eingestehend, demütig und niedergeschlagen, dass einem selbst dieser Pfad nicht bestimmt ist, versperrt von einem unfassbaren und dennoch unüberwindlichen Schatten, der sich in seiner vollen Größe und Wucht vor einem aufbaut. Es ist ein schauerliches, beengenden Gefühl, welches einem zur Flucht antreibt, zur Flucht vor den Seligen, den Menschen, der Stadt, dem Schatten, aber es steckt auch eine Lust in diesem qualvollen, befremdlichen Zustand.

Nie spürt man das Leben so intensiv wie wenn man leidet. In einer Welt, in der man ständig den Untergang mit Kriegsgetöse und Währungskollaps wie in einem Zerrspiegel vorgehalten bekommt, gefangen in einem perfiden Falschgeldsystem und Ausbeutungsapparat, welcher die Armen in noch größere Armut und die Reichen ins Gegenteilige führt; in einer Welt, in der jeder seine gänzliche Energie in das tägliche Überleben steckt, für weitreichendere Blicke fehlt es oft an Zeit, Energie und Kraft; in einer Welt, in der sich Menschen wie in Schließflächern verstauen, abrufen, abnutzen, auskauen, verwerten, verbrauchen, wegschmeißen und schließlich entsorgen lassen; in einer Welt, wo die größte Lüge zur allgemeinen Wahrheit erkoren wird; in einer Welt, wo alle Menschen dies alles einfach so hinnehmen, ertragen, verdrängen, nicht wahrhaben wollen und in einer Ansammlung von gierig zurammengerafften Dingen ihre bedauernswerte und zugleich erschreckende Glückseligkeit finden können und allen Ernstes der Meinung sind, dass es ihnen doch gut ginge mit diesen leblosen, unwichtigen, flüchtigen Krimskrams von materiellen Habseligkeiten; in einer Welt, in der man nach oberflächlicher Ablenkung lechzt, immer größere, fantastischere, berauschendere „Events“ in sich aufsaugt, um auch noch das letzte bißchen Lebensgefühl aus der abgestumpften Seele herauszukitzeln; in einer Welt, wo man die Lügen der Medien, Politik und Werbung zu den eigenen Lügen werden lässt, alles nachplappert, nicht selber denkt, sich von den süßen Lügen verführen lässt, die einen ungestört das eigene klägliche Dasein erträglich aussehen lassen; in einer derart kranken und entarteten Welt voll Lüge, Widerwärtigeit und Unerträglichkeit, Zwang und Gewalt: wie intensiv fühlen sich da die einfachen Dinge an, welche es völlig umsonst zu haben gibt. Mit welcher Intensivität saugt man da den frischen Spätfrühlingswind an der Böschung eines umwindeten Sees ein, lässt sich von den Naturkräften den Geist aufwirbeln und wie sehr ist man dem eigentlichen Sinn unseres Daseins in diesem Zustand verbunden, fern vom Trubel und dem geschäftigen Treiben der abgerichteten, folgsamen Ameisen-Brigaden.

Der Zwang, die Angst und der Druck, der einem wie ein schwerer Ballast auf dem Körper liegt scheint es erst zu ermöglichen, das Leben derart intensiv in sich aufzusaugen. Wie der Mensch mit zunehmenden Alter auf das Ende seiner Tage hinblickt und sich an jedem Frühlings- und Sommerabend erfreuen kann, als sei es das letzte mal, dass man die warmen Winde, das Rauschen der Blätter und Vogelgezwitscher erleben darf, so stellt sich die Wahrnehmung der Welt auch einem Menschen dar, der dem drohenden Unheil dieser kranken Welt offen und unverklärt in die Augen blickt. Diese erquickende Lust, die Freude an den einfachen Dingen, ist es, die mit der wachsenden Bedrohung durch den Schatten mitgedeiht. Ohne den Schatten wäre sie nicht mehr als gewöhnliche, alltägliche, nicht beachtenswerte Wahrnehmung; nur durch seine Berohlichkeit glänzt die Schönheit und Friedlichkeit des Einfachen, Gewöhnlichen, Unscheinbaren.

Und aus eben diesen Zwiespalt der Gefühlsregungen heraus entfaltet sich das wahrhafte Wesen von Kunst wie ein Schmetterling aus seinem Kokon. Wie stumpf und mehr oder weniger nichtssagend scheinen mir meine Werke der vergangenen Jahre, wenn ich mit diesem Gefühl im Bauch auf mein bisheriges Schaffen zurückschaue. Immer getrieben von Geld, aber dennoch sorglos im geschäftigen Treiben der nichtsahnenden, glücklichen Masse eingebunden, habe ich mich dazu willig und gern mißbrauchen lassen, den Distinktionsinteressen der konsumierenden Massen zu dienen; wo Werke ausschließlich zu ästhetischen Zwecken, zur Etikettierung der eigenen sozialen Stellung, erworben, vorgeführt, ausgestellt und präsentiert werden. Nicht selten lediglich um den Neid der Besitzlosen zu locken. Und dennoch rede ich nicht davon, dass diese Arbeiten minderwertiger gearbeitet waren. Zumindest nicht alle. 🙂 Ein kunstvoll gemaltes Stilleben einer Obstschale kann noch so meisterlich ausgeführt worden sein, selten sind derartige Arbeiten aber Ausdruck eines gequälten, geschundenen Geistes. Sie waren lediglich Produkt eines zufriedenen, glücklicheren, unbedarften Gemütszustandes, der die Abartigkeit dieser Welt nicht spürt und somit auch nicht wiedergeben kann. Was aber nicht heißt, dass derartige Produkte keine Kunst, keine Artefakte wären. Eine aber noch so lapidar dahingeworfene Zeichnung, ein Schmierzettel mit wilden Kritzeleien, unfein und unfertig ausgearbeitet, eine wilde Farborgie auf die Leinwand gerotzt, kann im Gegensatz dazu höchst künstlerischen Ausdruck in sich tragen, wenn diese eben aus diesem Bedürfnis entstehen, vom Erschaffer herausgeschrieen, ausgekotzt, von der Seele gemalt zu werden, um den eigenen erregten innerlichen Zustand nach außen zu tragen, festzuhalten, zu verewigen, abzuarbeiten und zu vergegenwärtigen. Bedeutende Kunst, sei es Literatur, Musik oder Malerei, erhält ihre Deutung – wie es der Name schon in sich trägt – nur durch den Kontext, aus dem heraus sie entsteht. Sie muss eine Bedeutung für den Schaffenden in sich tragen, die dem Betrachter auch vermittelt werden kann, so dass beim Betrachter auch ein Verständnis für den tieferen Sinn der Arbeit entsteht. In gewisser Weise muss man also als Künstler den Zwängen und Abartigkeiten dieser Welt dankbar sein, dass sie ihm den nötigen Leidensdruck schaffen, aus dem heraus deutbare Kunst entstehen kann.

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